Liebigstraße 34

They can‘t evict a movement!
They can‘t evict a heart!

Es war einmal der Sommer der Anarchie, Sommer 1990, als unzählige Häuser in dieser Stadt besetzt wurden. Und die Straßen bunt und laut wurden.
Auch unser wunderschönes Haus am Dorfplatz, in der Liebigstraße Ecke Rigaer Straße wurde in diesem Sommer besetzt. Es wurde gesägt, gehämmert, gebaut, wieder umgebaut, um die 1200 Quadratmeter für viele Menschen nutzbar zu machen. Gemeinschaftlich leben und gestalten war angesagt. Es war eine Zeit, in der Wohnen neu gedacht wurde. Alles sehr aufregend und zuweilen improvisiert, was sich bis zur Räumung nicht geändert hat …
Die Frage: „Wie wollen wir wohnen?“ wurde in der Liebig 34 sehr eingehend diskutiert.
Der Wunsch, Utopien zu leben und sich dem Patriarchat und anderen Unterdrückungsmechanismen zumindest im eigenen Lebensraum zu entziehen, war stark.
1997 wurde dann endgültig beschlossen, dass in der Liebig ohne Cis-Männer gewohnt wird. Als die Erbengemeinschaft, die Besitzer*innen des Hauses, sich 2007 dazu entschlossen, das Haus zu verkaufen, schnappte Gijora Padovicz dem Kollektiv das Haus vor der Nase weg und stellte einen Pachtvertrag für zehn Jahre aus. Schon damals war das ein schlechter Witz.
Allen war damals wie heute klar, dass es ein Miet- statt ein Pachtvertrag hätte sein müssen!! Wie dem auch sei, am 31. Dezember 2018 lief der Pachtvertrag dann aus.
Wie lange es noch gehen würde, wussten wir nicht. Ab Januar 2019 rechneten wir zumindest mit Razzien. Das hieß, dass wir in ständiger Alarmbereitschaft waren, aber natürlich auch endlose Diskussionen über Spekulationen hatten, wann es nun geschehen würde, welche Taktik würden sie fahren? Kalte Räumung? Uns zermürben und ewig in Habachtstellung verharren lassen?
Am 15. November 2019 fand unser erster Gerichtstermin statt und uns war klar: Das muss knallen! Und zwar auf unsere Weise! Es gab einige Probedurchläufe in unserer Bar, bevor wir dann das Landgericht zum Beben brachten. Das sorgte für ordentliche Furore. Auch die Wochen und Monate danach knallte es noch oft.
Nicht nur durch uns, sondern vor allem durch die vielen Sympathisant*innen, Freund*innen, Gefährt*innen und ihre tollen, kreativen und vielfältigen Soli-Aktionen.

Liebigstraße, Ecke Rigaer Straße (Dorfplatz). Räumung der Liebigstraße 34am 9. Oktober, 2020. Foto: Umbruch Bildarchiv
Liebigstraße 34, Ecke Rigaer Straße (Dorfplatz). Räumung am 9. Oktober, 2020.

Jedes Transpi, jeder Flyer, jedes Bekenner*innenschreiben motivierte uns mehr und zeigte, dass der Anarcha-Queer-Feministische Widerstand überall und unglaublich stark ist. Bis zur Räumung am 9. Oktober 2020 ließ dieses überwältigende Gefühl auch nicht nach.
Die drei Wochen zwischen Mitteilung des Räumungstermins und Räumung selbst vergingen wie im Flug. Gefühlt wurde 24/7 geackert und wir verloren uns manchmal selbst darin. Es fällt einem erst auf, wie viele Fenster ein Haus hat, wenn man versucht diese alle einbruchssicher zu machen. 😉
Wir haben es dennoch geschafft, die letzte Zeit in unserem geliebten Haus zu genießen und schön zu gestalten, Phasen des Beisammenseins zustande kommen zu lassen.
Wir sind in der ganzen Zeit als Kollektiv und als Freund*innen zusammengerückt, haben miteinander und voneinander gelernt und sind über uns hinausgewachsen. Der Tag X war eindrucksvoll, unglaublich bewegend in so vielerlei Hinsicht.
Es ist schwer zu beschreiben, wie es sich anfühlte, diesen Lärm von den Straßen zu hören und mitzubekommen, wie verdammt wütend die Menschen darüber sind, dass Padovicz mit Hilfe der Bullen gewaltsam ins Haus eindringt, um es uns allen wegzunehmen. Es war eindrucksvoll die Videos zu sehen und Berichte von Freund*innen darüber zu hören, was auf den Straßen abging. Die Geräuschkulisse hat uns viel Kraft gegeben. Wir waren nicht alleine.
Der Verlust ist riesig und das Haus so einsam und zerrupft am Dorfi zu wissen, schmerzt.

Das Hausnummernschild der Liebig 34 in der Ausstellung „Häuser besetzen sowieso...“
Das Hausnummernschild der Liebig 34 erinnert die Besitzerin an eine intensive gemeinsame Zeit des Ausprobierens, der Solidarität und des Lernens. Es befindet sich in der Ausstellung „Häuser besetzen sowieso…“ in der Alten Feuerwache Marchlewskistraße 6 und kann durch das Schaufenster betrachtet werden.

Dass wieder ein widerständiger Ort, ein Freiraum für FLINT*Personen geräumt wurde, ist eine Sauerei. In den letzten dreißig Jahren waren viele Projekte bedroht.
Manche konnten gehalten werden, zu viele wurden uns genommen.
So groß der Verlust auch ist: Der Häuserkampf hat viele Menschen aufgerüttelt und politisiert.
Viele haben sich der Bewegung angeschlossen oder wunderbar unterstützt. Vielen ist durch die Präsenz der Häuser klar geworden, dass sie es selbst sind, die ihren Kiez gestalten und dass der Ausverkauf der Stadt eine reale Bedrohung ist, die alle angeht und gegen die wir am Effektivsten gemeinsam kämpfen!

Wir bleiben alle widerständig.
Liebig 34 lebt!
Ungebrochen!
Unversöhnlich!
Anarcha-Queer-Feministisch!

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