Mehr als 30 Jahre Ostberlin besetzt

Liebe Besucher*innen!

Im Frühherbst 2019, als Corona noch für Bier stand, trafen sich Bewohner*innen verschiedener ehemals besetzter Häuser im Hinterhof eines Friedrichshainer Hausprojektes, um die demnächst anstehenden Feierlichkeiten anlässlich der 30. Jahrestage ihrer Besetzungen zu koordinieren.
Wie immer bei solchen Anlässen wurden große Pläne geschmiedet. Partys und umfangreiche Straßenfeste wurden geplant, Demonstrationen und Neubesetzungen angedacht. Am Rande dieses größeren Vorbereitungskreises fand sich eine kleine Gruppe, die eine Ausstellung zur Geschichte und Gegenwart der Hausprojekte machen wollte. Es war den Beteiligten schnell klar, dass die Ausstellung mehr sein sollte, als schlichte Selbstbeweihräucherungsshow.
Denn die Besetzer*innenbewegung (bzw. das was davon übrig ist) war nie homogen, sondern immer auch von sich überkreuzenden Brüchen und Unvereinbarkeiten durchzogen und dennoch bisweilen politisch handlungsfähig und vor allem kulturell einflussreich.
Schon die Geschichte bzw. die Traditionen der Besetzer*innen sind grundverschieden. Das ist nicht verwunderlich – schließlich wurden sie in zwei unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichem Gesellschaftssystem sozialisiert.

Ost- und Westerfahrungen 1991 bei BesetzerInnen Carton: Dirk Moldt
Ost- und Westerfahrungen 1991 bei BesetzerInnen
Carton: Dirk Moldt

Die „Ostler“ brachten Erfahrungen der in der späten DDR weit verbreiteten Praxis des „Schwarzwohnens“ ein, viele kamen auch aus den subkulturellen bzw. linken Flügeln der DDR–Opposition. Aus dem Westen kamen Menschen mit dem eingespielten Bewegungswissen und dem Know-how der Westberliner autonomen Bewegung. Wie zu erwarten, war dieses Zusammentreffen nicht immer konfliktfrei. Nun waren diese Leute nicht nur „Ostler und Westler“. Es gab Studierende, die eine preiswerte Bleibe suchten, Politniks, die die besetzten Häuser als Ausgangsbasis für die Revolution sahen, Trebekids, die einfach einen warmen Platz zum Schlafen brauchten, Kulturliebhaber*innen und Musiker*innen, die endlich Platz für ihre Konzerte oder Ausstellungen hatten. Der Unterschiedlichkeit der hier angerissenen Protagonist*innen angemessen, gab es unterschiedliche Nutzungsformen der besetzten Häuser: Vom angesagten Kunstort (diese Häuser spielten wider Willen durchaus auch eine bisweilen treibende Rolle in der Pionierphase der Gentrifizierung) bis zur Drogenhölle, vom liebevoll renovierten, „Juppietower“ genannten „Schöner–Wohnen–Projekt“ bis zur baufälligen Hütte ohne Strom und Wasser.
Charakteristisch für (ehemals) besetzte Häuser war darüber hinaus die bisweilen schwer zu durchdringende Melange von Alltagskonflikten und politischem Anspruch.
Das fing zum Beispiel bei der Frage „Wer macht den Abwasch?“ an und setzte sich in grundlegenden Auseinandersetzungen um Sexismus und patriarchale Strukturen auch im eigenen Umfeld fort. Nicht zuletzt in deren Konsequenz entstanden Projekte wie das Frauen/Lesbenhaus in der Mainzer Straße (geräumt 1990), in der Niederbarnimstraße (geräumt 1996) und das anarcha queer feministische Projekt in der Liebigstraße 34 (geräumt Oktober 2020).
Natürlich war das nur einer von vielen inneren Widersprüchen, die wohl unvermeidlich zu Tage treten, wenn sich viele unterschiedliche Menschen plötzlich in einer Gemeinschaftsküche wiederfinden: War Bauen angesagt oder lieber Kiffen? Ging es bei der Hausbesetzung darum, sich einfach preiswerten Wohnraum zu verschaffen oder war die Besetzung Teil des Kampfes gegen den Kapitalismus? Sollte über Legalisierung verhandelt werden oder diese militant auf der Straße erzwungen werden? Welchen Stellenwert hatte das Leben mit Kindern im Haus oder war das alles überhaupt heteronormativer Blödsinn? Wie sollten Küchen und Wohnungen strukturiert werden? Wie und von wem sollte das alles eigentlich entschieden werden? Der Ostberliner Besetzer*innenbewegung fehlte aber die Zeit für ausgiebige Nabelschauen.

Straßenfest in der Pfarrstraße 1992. Trotz des gravierenden Leerstands wurden Neubsetzungen sofort geräumt. Foto: Marco Krojač
Straßenfest in der Pfarrstraße 1992.
Trotz des gravierenden Leerstands wurden Neubsetzungen sofort geräumt.
Foto: Marco Krojač

Auch Neonazis aus Ost und West nutzten die Abwesenheit der Polizei und füllten das Vakuum mit Gewalt, die sich gegen alles als „undeutsch“ Empfundene richtete. Das betraf neben Anderen auch die Hausbesetzer*innen, die gezwungen waren die besetzten Häuser fachgerecht gegen Naziangriffe zu verbarrikadieren und den Nazis ihre Dominanz auf der Straße zumindest lokal wieder abzunehmen.
Gleich nach dem Beitritt der DDR ins kapitalistische Wirtschaftsgebiet statuierte der neue Staat ein Exempel und räumte die Mainzer Straße. Für die Besetzer*innen war das eine krasse Zäsur. In der Folge wurde nur noch selten und fast immer erfolglos besetzt – gleichzeitig gab es bis Mitte der 90er aber wenige Räumungen. Viele Häuser schlossen in diesem Zeitrahmen auf irgendeine Weise Mietverträge ab, von denen einige immer noch bestand haben. Ab Mitte der 90er ließ der zum Innensenator gewordene Bundeswehrgeneral a. D. Jörg Schönbohm Stück für Stück die noch nicht legalisierten Häuser räumen.

Demo gegen die Häuserräumingspolitik Schönbohms des Innensenators, 1996 Als Innensenator wegen seines Auftretens und wegen seiner mitunter unreflektierten politischen Äußerungen nicht nur gegenüber Migrant*innen und seiner Blindheit gegen über Rechtsradikalen in Kritik geraten, betonte er 1998 bei der Ankündigung seines Weggangs aus Berlin:
Demo gegen die Häuserräumingspolitik Schönbohms des Innensenators, 1996
Als Innensenator wegen seines Auftretens und wegen seiner mitunter unreflektierten politischen Äußerungen nicht nur gegenüber Migrant*innen und seiner Blindheit gegen über Rechtsradikalen in Kritik geraten, betonte er 1998 bei der Ankündigung seines Weggangs aus Berlin: „Ich habe mich selbst aus dem Amt gedrängt.“
Foto: Marco Krojač

Nachdem 1998 die Pfarrstraße 104 das letzte Opfer des schneidig auftretenden Militärs wurde, gab es Räumungen im Wesentlichen als Folge eines Vertragsverlustes. Beispiele hierfür wären die Yorckstraße 59 (ein Hausprojekt in Westberlin ohne direkte Besetzungsgeschichte), Liebigstraße 14, Brunnenstraße 183 vor kurzem die Liebigstraße 34.

 

Logo der 30-Jahre-Besetzungsfeierlichkeiten in der Ausstellung. Foto: Giovanni Lo Curto
Logo der 30-Jahre-Besetzungsfeierlichkeiten in der Ausstellung.
Foto: Giovanni Lo Curto

Während sich die Besetzer*innen von gestern schon in gesetzterem Alter ihrer Pensionierung entgegengehen, besetzen andere, meist junge Leute fleißig Häuser, werden geräumt und sind anschließend mit den juristischen Folgen konfrontiert. Dass Besetzen wieder in Mode zu
kommen scheint, ist nur folgerichtig.
Der für Menschen mit geringen Einkommen vollkommen dysfunktionale Wohnungsmarkt schreit geradezu nach unkonventionellen Formen der Aneignung eines Gutes, das theoretisch sogar in der Berliner Verfassung verbrieft ist: Dem Recht auf Wohnen.
Die Geschichte der Besetzer*innenbewegung in Ostberlin und darüber hinaus ist noch nicht zu Ende geschrieben.
Die Reflexion in dieser Ausstellung kann also nur ein vorläufiger und unvollständiger Ausschnitt sein. In diesem Sinne liebe Besucher*innen, Teilhabende und (teilhabende) Beobachter*innen wünschen wir viel Freude und Inspiration beim Besuch unserer Ausstellung.

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